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Öffentlichkeit im Netz – Chancen der Digitalisierung für die politische Bildung


Engler: Sie haben mit der Transferstelle politische Bildung 53 Forschungsarbeiten zum Thema politische Bildung und Digitalisierung ausgewertet. Was hat politische Bildung denn überhaupt mit Digitalisierung zu tun? Ist das nicht vielmehr etwas, wo man sich persönlich treffen muss und face-to-face diskutiert?

Becker: Zunächst hat die politische Entwicklung etwas mit Digitalisierung zu tun – zumindest wenn es um die Fragen von Öffentlichkeit geht. Da sich tatsächlich alle in jeder Form beteiligen können, hat sich die Öffentlichkeit deutlich verändert, die Auseinandersetzung ist entfesselter geworden. Das geht nicht spurlos an der politischen Bildung vorbei. Insgesamt stellen wir jedoch fest, dass die politische Bildung noch relativ distanziert ist, was digitale Medien angeht. Das betrifft politische Bildungsangebote, die sie thematisieren, ebenso wie wissenschaftliche Untersuchungen dazu und damit den Fachdiskurs und die Fachliteratur.

Engler: Das heißt, dass politische Bildung Position beziehen muss?

Becker: Sie muss zunächst einmal ihren Gegenstand neu justieren und sich fragen, welche Folgen es hat, wenn sich die berühmte Agora woanders abspielt. Politische Bildung sollte wissen, was zurzeit noch hinter ihrem Rücken passiert. Darüber hinaus finde ich, dass politische Bildung auch die Öffentlichkeit mitgestalten muss, in der sie selbst einen Platz haben und sichtbar sein will. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie sehr präsent ist. Die Frage, inwieweit wir auch für andere als die „aktiv Suchenden“ wahrnehmbar sind, treibt uns schon um.

Engler: Wo muss die politische Bildung aus Ihrer Sicht ansetzen, um Digitalisierung für sich zu nutzen?

Becker: Eine Schwierigkeit ist, dass das nicht aus dem Stand geht. Es gehört ein ziemliches Know-how dazu, einen Onlinekurs anzubieten, ein Forum zu eröffnen oder Angebote im Netz mit Bewegtbildern anzubieten. Das gilt vor allem für die Schule. Ich glaube, dass einige Lehrkräfte die Möglichkeiten der neuen Medien zwar sehen, aber nicht anerkennen und nutzen, auch weil sie damit rechnen müssen, dass ihnen Schüler_innen dabei überlegen sind. Dass es ihnen an Know-how fehlt, hören wir gerade auf jeder Veranstaltung.

Engler: Und um welches Know-how geht es da? Was brauchen die Lehrkräfte oder auch die Pädagog_innen auch außerhalb von Schule?

Becker: Ich glaube, es sind drei Dinge. Einmal sind es technische Fähigkeiten oder Fertigkeiten: Was mache ich eigentlich, wenn ich etwas ins Netz stellen will? Dazu gehört Wissen über Themen der Netzpolitik, denn die Technik ist die Brücke zu der Frage, wer etwas wie veröffentlicht. Obwohl das Thema so relevant ist, haben weder Politikunterricht noch Schule oder politische Bildung die Netzpolitik ausreichend auf dem Schirm. Und schließlich brauchen wir Wissen rund um die Frage: Welchen Einfluss hat das Netz auf den Alltag vieler jüngerer Menschen, auf deren politische Informiertheit und deren politische Meinungs- und Urteilsbildung und wie können wir darauf reagieren?

Engler: Das ist natürlich eine ganze Menge, was die Pädagog_innen da wissen müssen. Wo sehen sie denn Ansatzpunkte, wer müsste aus Ihrer Sicht welche Schritte tun, damit wir dahin kommen, und wie sieht es mit den Ressourcen aus?

Becker: Ja, das ist eine Menge. Und je länger wir warten, desto mehr werden es. Wenn man unseren Stand mit dem Medieneinsatz im Bildungsbereich in anderen EU-Ländern vergleicht, sind wir wirklich hintendran.

Engler: Und wenn es jetzt um Konzepte in der politischen Bildung geht – wo müssen wir denn da ansetzen?

Becker: Wir müssen an jeder Ecke ansetzen, die mit der Frage der Nutzung digitaler Medien zusammenhängt. Ich kann aus Erfahrung sagen, dass sich darum immer noch Cliquen kümmern, die ihre eigene Sprache sprechen. Wir haben uns immer noch nicht ausreichend darum gekümmert, dass es so etwas wie eine politische Medienpädagogik gibt. Obwohl es schon Ansätze gibt, ist das Thema merkwürdigerweise im Moment nicht sehr en vogue.

Es ist aber nicht so, dass die politische Bildung von vorn beginnen müsste. Vor allem in der außerschulischen Jugendbildung gibt es viele politische Bildner_innen, die gut mit digitalen Medien umgehen können, avancierte Ansätze, die sich verbreiten ließen. Für die Breite ist es immer noch ein Spezialthema. Hier bremsen eine gewisse Scheu und eine immer noch bestehende Ablehnung von digitalen Medien, auch das schnelllebige Know-how. Außerdem haben wir eindeutig ein Ressourcenproblem, und zwar im Hinblick auf passende Forschung, speziell zu digitalen Medien in der politischen Bildung, und wenn es um Fortbildung oder die Verbreitung zeitgemäßer Ansätze geht. Also, ich glaube, dass man eigentlich an jeder Stelle, an der man es anpackt, etwas erreichen könnte.

Engler: Für welche Anliegen in der politischen Bildung halten Sie das Netz denn besonders geeignet?

Becker: Ich glaube, dass wir in den letzten Jahren gelernt haben, dass die Kommunikationsweisen der Menschen sich durch das Internet verändert haben. Informationen, Kommunikation überhaupt, müssen kürzer, schneller, bebildert und erreichbar sein. Und da finde ich, könnte man einiges tun, wenn es zum Beispiel um die politische Informiertheit der Leute geht.

Aktuell sind Fragen in Bezug auf die Demokratie wichtig. Wer entscheidet eigentlich was? Was ist eigentlich Gewaltenteilung oder eine Richtlinienkompetenz? Wenn Leute etwas im Moment suchen, dann googeln sie es. Sie kommen vielleicht auf die WIKIPEDIA-Seiten und wenn sie Glück haben, ist der WIKIPEDIA-Eintrag gediegen. Aber man könnte sich vorstellen, hier ein leicht zugängliches Angebot zu machen, ähnlich dem Grundgedanken des „Wahl-O-Mats“: etwas zu erfahren, was ich mir sonst mühsam zusammensuchen müsste und wo ich mir dann nicht sicher bin, wie gut die Quelle ist. Außerdem kann man natürlich mal erklären, was eigentlich politische Bildung ist. Das wäre etwas, was ich mir vorstellen könnte.

Neben dieser Informiertheit ist es ein zweites großes Plus, dass man sich durch das Netz auch über große Entfernungen verständigen kann. Viele Projekte der politischen Bildung nutzen diese Eigenschaft, um entfernte Teilnehmende oder Expert_innen einzubinden. Im Moment sind auch Plattformen en vogue – also interne, geschützte Plattformen für Jugendliche, um dort zum Beispiel einen Dialog oder Gespräche zu ermöglichen. Das ist eine gute Idee, aber sie hat auch Grenzen. Ich denke, dass man situativ zwischen der Kommunikation über das Internet und einer Face-to-face-Kommunikation abwägen sollte. In der Praxis kann man beobachten, dass vor allem junge Menschen mit dieser Frage ganz souverän umgehen. Wenn sie finden, dass es gerade angebracht ist, online zu chatten – gut und schön. Aber sobald sie die Möglichkeit haben, sich an einen Tisch zu setzen, finden sie das auch ganz toll.

Engler: Wenn Sie sich für einen Schritt entscheiden müssten, den die politische Bildung jetzt im Bereich Digitalisierung angehen müsste: Was wäre der wichtigste nächste Schritt?

Becker: Am wichtigsten wäre ein breiter, fachlicher und wissenschaftlich flankierter Diskurs darüber, wie man digitale Medien in der politischen Bildung nutzen kann.

Engler: Und wo sehen Sie die größte Chance für die politische Bildung durch die Digitalisierung?

Becker: Die Chance liegt eindeutig darin, sichtbarer zu werden. Wenn man eine Plattform sein möchte, die den politischen Austausch zwischen Menschen fördert, dann bietet Digitalisierung die Chance, sichtbarer, wahrnehmbarer zu werden und Möglichkeiten zur Einmischung zu nutzen.

Engler: Vielen Dank für das Gespräch!

Foto von Dr.in Helle Becker  

Dr.in Helle Becker

Dr.in Helle Becker ist Leiterin von Expertise & Kommunikation für Bildung und Geschäftsführerin von Transfer für Bildung e.V., zwei Institutionen, die die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis u.a. in der politischen Bildung unterstützen. Sie ist außerdem Lehrbeauftragte der Hochschule Osnabrück.

Das Interview führte Ulrika Engler, Direktorin der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung

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