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Bewegte Bilder – Bilder, die bewegen


Grafik zeigt ein Smartphone, auf dem jemand Filmrollen auseinanderschneidet und neu zusammensetzt


Egal, ob im klassischen Fernsehen, auf YouTube oder Netflix: Das Video dominiert wie kein anderes Medium unseren Alltag. Im Gegensatz zu seinem statischen Pendant, dem Bild, vereint es Ton und Bewegung auf eine faszinierende Art und Weise und gilt daher nach wie vor als ultimative Wiedergabe der Wirklichkeit. Auch für demokratische Prozesse spielen bewegte Bilder eine wichtige Rolle: etwa in Parteiwerbevideos oder Mitschnitten von politischen Reden. Besonders im Bereich des digitalen Wahlkampfes eröffnet die Videomanipulation neue Wege, politische Meinungen zu beeinflussen.
Doch wie gefährlich ist das Vertrauen in Videos[1] und welche Möglichkeiten der Manipulationen gibt es? Und, besonders wichtig: Wie kann man sich gegen diese Manipulationen wehren?

Keine Kommunikation ohne Manipulation?

Videomanipulation meint grundsätzlich das absichtliche Verändern oder Neuerschaffen eines Videos, um das Publikum in seinen Gedanken und Gefühlen zu lenken. Um sich jedoch zielorientiert mit dem Thema Videomanipulation und Demokratie auseinanderzusetzen, gilt es, diesen Begriff weiter zu schärfen.

Wir werden täglich auf vielerlei Wege per Video manipuliert. Zum einen sind wir jeden Tag mit mehreren hundert bis tausend Werbebotschaften konfrontiert;[2] um den Absatz der beworbenen Produkte zu erhöhen, manipuliert uns jede einzelne dieser Botschaften in unserer Wahrnehmung ( Beispiel „Mars“-Werbung 1962). Zum anderen ist die Manipulation des Gegenübers, vor allem durch Sprache und Rhetorik, auch fester Bestandteil menschlicher Kommunikation. Friedrich Schulz von Thun, Psychologe und Sprachwissenschaftler, hat dies mit seinem Kommunikationsmodell dargestellt: Ein_e Sprecher_in sendet neben der eigentlichen Aussage sowohl Wertevorstellungen und Beziehungshinweise als auch einen manipulativen Appell:

„Die Einflussnahme auf den Empfänger geschieht auf der Appellseite. Wenn jemand das Wort ergreift, möchte er in aller Regel etwas erreichen. Er äußert Wünsche, Appelle, Ratschläge oder Handlungsanweisungen.“[3]

Für einen fokussierten Einblick in das Thema konzentriert sich dieser Artikel vor allem auf die technischen Varianten der Videomanipulation und weniger auf die zwischenmenschliche Kommunikation im Rahmen eines Videos.[4]


Arten der Videomanipulation

Da ein Video aus einer Vielzahl einzelner Bilder besteht (bspw. basiert der Trailer des Projektes „Spot on – Demokratie auf der Spur“ auf ungefähr 3.075 Bildern[5]), greifen nahezu die gleichen Manipulationsmechanismen wie bei Bildern. Allerdings eröffnen die Bewegung der Bilder sowie die begleitende Tonspur neue Dimensionen der Manipulation. Für weitere Informationen zum Thema Bildmanipulation sei hier ein Blick in den Artikel empfohlen.

Die wichtigsten drei Arten, Videos zu manipulieren, sind: das einfache Entfernen oder Hinzufügen von Video-Elementen, die Veränderung der Geschwindigkeit und das Editieren musikalischer Stilmittel. Daneben gibt es noch weitere Formen der Manipulation – auf das Thema geht der Artikel "BILD Dir Deine politische Meinung" ein.

Cut & Edit – Entfernen und Hinzufügen

Die wohl einfachste und gleichzeitig effektivste Methode, Videos zu manipulieren, ist das Entfernen oder Hinzufügen von Bild- und Video-Elementen. Beispielsweise lassen sich einzelne Argumente in einer Debatte gezielt herausschneiden oder an gewünschter Stelle hinzufügen. Diskurse können so verkürzt und entsprechend der Absicht des_der Manipulierenden verzerrt werden. Ebenso können, genau wie in der „klassischen“ Bildmanipulation, einzelne Objekte aus einem Video entfernt oder addiert werden. Da moderne Videoschnittprogramme nahezu nahtlose Übergänge zwischen einzelnen Videoabschnitten ermöglichen, fällt es dem_der Betrachtenden schwer, zu erkennen, ob und wo genau Teile entfernt oder hinzugefügt wurden. Beispielsweise lassen sich via die Anwendung „Content-Aware Fill“[6] einzelne Objekte schnell und leicht aus Videos tilgen. Die entstehenden Leerstellen werden inhaltsbasiert durch einen Algorithmus aufgefüllt und passen sich an das umliegende Bild an – und das so genau, dass die Manipulation durch „scharfes Hinsehen“ allein nicht mehr erkennbar ist. Neben dem eigenen kritischen Videokonsum liegt daher eine große Verantwortung bei Journalist_innen, Videos vor der Veröffentlichung auf ihre Authentizität zu überprüfen.

Zudem kann durch das (meist humorvolle) Zusammenschneiden von verschiedenen Videos bzw. Videoausschnitten ein gänzlich neues Video entstehen. So gelang es z.B. einem Videokünstler auf YouTube, Donald Trump durch einen Zusammenschnitt seiner Fernsehauftritte scheinbar das Lied „Believer“ von Imagine Dragon singen zu lassen.[7]

Tempovariationen

Ein weiterer einfacher Trick, Videos zu manipulieren, besteht darin, die Geschwindigkeit zu reduzieren oder zu erhöhen. Normalerweise verändert sich dadurch auch die Tonhöhe. Eine Verlangsamung geht mit einer tieferen, eine Beschleunigung mit einer höheren Stimme einher. Solche Effekte können zwar amüsant wirken und ernste Angelegenheiten ins Lächerliche ziehen – da sie jedoch deutlich auffallen, ist es meist leicht, derartige Videos von der Realität zu unterscheiden und als Fake zu identifizieren. Mithilfe moderner Videobearbeitungstools lässt sich aber mittlerweile die Tonhöhe von der Geschwindigkeit entkoppeln. Dadurch hören sich Stimmen auch bei verändertem Tempo authentisch an. Allerdings werden die Töne bei verlangsamten Videos gestreckt. Die Folge: Die Stimme wirkt zwar immer noch real, aber langsamer und gemächlicher, schleppender. So entsteht mitunter der Eindruck, der_die Sprecher_in stände unter Alkoholeinfluss. Der_Dem Dargestellten droht ein Ansehens- und Glaubwürdigkeitsverlust. Ein derart manipuliertes Video der Sprecherin des US-amerikanischen Repräsentantenhauses Nancy Pelosi ging im Mai 2019 auf Facebook viral.[8]

Dies war kein Einzelfall: Über soziale Medien wie Facebook können sich solche Videos wie ein Lauffeuer ausbreiten. Gleichzeitig sehen die Betreiber_innen dieser Portale solche manipulierten Videos als freie Meinungsäußerung an: Ihre „Fair Use“-Regelung erlaubt, urheberechtlich geschütztes Material (wie eben die Originalvideos) auch ohne Genehmigung zu verwenden – vorausgesetzt, man benutzt es zum Zweck der öffentlichen Bildung oder für Parodien.[9]

Die Musik gibt den Ton an – musikalische Stilmittel

Ein Video kann zwar auch ohne Ton oder musikalische Untermalung auskommen (man denke z.B. an Stummfilme), aber erst die Kombination aus Audio und Video ermöglicht ein – vermeintlich – lebensechtes Abbild der Realität. In Spielfilmen sorgen Töne oft für eine zusätzliche Dramatik; allerdings stammen sie selten von den gezeigten Objekten selbst, sondern werden separat im sogenannten Sound Design erzeugt. Knarrende Äste im Sturmwind können z.B. gut mit einem Ledergürtel, dessen Enden man aneinander reibt, imitiert werden.[10] Da Menschen ihre eigene Reaktion auch von der Reaktion ihrer Mitmenschen abhängig machen, kann eine durch Klatsch- und Johl-Laute simulierte Begeisterung eine positive Reaktion auslösen (z.B. zu beobachten bei der E3, der Electronic Entertainment Exhibition, der weltweit größten Computerspielmesse 2019; bei der Pressekonferenz des Publishers Zenimax, besser bekannt als Bethesda, probierten einige Zuschauer_innen demonstrativ, Stimmung und Beifall zu erzeugen – mit mäßigem Erfolg). Da Reden von Politiker_innen häufig in Videoform veröffentlicht werden, bietet es sich hier für den_die Manipulierende_n an, Beifall hinzuzufügen oder, wenn es um eine Rede des _der politischen Gegner_in geht, den Applaus zu reduzieren und Buh-Rufe oder andere Denunzierungen einzubauen.

Vor allem Musik, als besonders ausgefeilte und populäre Form der akustischen Begleitung, hat die Fähigkeit, mit ihren Klängen in uns Emotionen auszulösen. Schnelle Beats motivieren beim Sport zu Höchstleistungen, langsame Klaviermelodien erzeugen Melancholie. Durch das geplante Platzieren von Musik in Videos lassen sich somit gezielt bestimmte Gefühle wecken – was ebenfalls ein Einfallstor für Manipulationen bietet.[11]

Durch diese akustischen Einbindungen nicht manipuliert zu werden, ist ausgesprochen schwierig – Geräusche, Töne und Musik haben sowohl beim Individuum als auch in der Gesellschaft einen zu großen Stellenwert, um ignoriert zu werden. Verantwortlich dafür ist der Hippocampus, ein Areal im Gehirn, das u.a. für die Affektkontrolle, die Beherrschung der Emotionen,[12] zuständig ist. Anders als bei der Verarbeitung von Bildern und Videos im Gehirn wird er bei Musik zwangsläufig und immer aktiv.[13]


Wie kann man sich vor Videomanipulation schützen?

Ein manipuliertes Video zu erkennen und somit einem_einer Fälscher_in auf die Schliche zu kommen, ist zwar nicht unmöglich, aber für den_die Zuschauer_in meist sehr schwierig. Im Pressekodex der deutschen Journalist_innen bspw. gibt es keine Richtlinie, welche explizit den Umgang mit manipulierten Videos regelt. Auch technische Anwendungen, die bei der Erkennung von Manipulationen unterstützen könnten, existieren bislang nicht.

Die W-Fragen und kritisches Beobachten

Trotz – oder gerade wegen – aller Schwierigkeiten, eine Manipulation technisch eindeutig zu identifizieren, ist kritischer Konsum ein hilfreiches Mittel, um (Ver-)Fälschungen zu erkennen. Bei jedem Video sollte man sich fragen:

– Wer hat das Video veröffentlicht?

– Welche Aussage hat das Video?

– Wer profitiert von diesem Video?

Kritisches Betrachten und Hinterfragen sind zwei elementare Soft Skills, wenn man sich gegen Videomanipulation wappnen will. Und nicht nur dort. Auch im Umgang mit Fake News und Desinformationskampagnen ist kritisches Denken unabdingbar. Unterstützen können dabei die sogenannten Fact Checker (Fakten-Überprüfer), die vor allem wissenschaftliche und politische Aussagen auf deren Wahrheitsgehalt untersuchen. Das Portal FactCheck.org bspw. überprüft Behauptungen, die die US-amerikanische Politik betreffen, und mimikama befasst sich mit deutschsprachigen Äußerungen. Auch ARD und ZDF bieten zu manchen Polit-Talkshows nachträgliche Analysen und Faktenfinder an.[14]

Die Zukunft der Videomanipulation

Auch wenn das vorab aufgezeichnete Video nach wie vor einen hohen Stellenwert hat, vor allem im On Demand-Bereich[15], rückt das Live Streaming für den_die Endverbraucher_in mehr und mehr in den Fokus. Beim Live Streaming werden Videos live, also in Echtzeit, gesendet. Dem_der Videokünstler_in live zuschauen und mit ihm_ihr sofort in Kontakt treten zu können, fasziniert die Zuschauenden. Auf der Live Streaming-Plattform Twitch bspw. werden pro Monat rund 726.792.858 Stunden[16] solcher Sendungen konsumiert. Das entspricht im Durchschnitt etwa 95 Minuten pro Nutzer_in pro Tag. Der technische Fortschritt sorgt dafür, dass die Videomanipulation in ihrer Ursprungsform, der reinen Bearbeitung, zwar noch immer weitverbreitet ist, der Trend aber in eine andere Richtung geht. Von nun an geht es weniger darum, möglichst unauffällig Videos zu manipulieren, als vielmehr darum, möglichst authentisch wirkende Videos zu erstellen und aus bestehendem Material neue Videos zu erschaffen.



[1] Vgl. Deussen, Oliver: Bildmanipulation – Wie Computer unsere Wirklichkeit verzerren, Berlin, Heidelberg 2007, S. 169.

[2] Vgl. Dreschner, Frank: Wirkt Werbung eigentlich noch? Die Vermessung der Aufmerksamkeit, in: Deutschlandfunk Kultur, 19.06.2018, URL: https://www.deutschlandfunkkultur.de/wirkt-werbung-eigentlich-noch-die-vermessung-der.976.de.html?dram:article_id=420791 [eingesehen am 15.07.2019].

[3] Schulz von Thun, Friedemann: Das Kommunikationsquadrat, in: Schulz von Thun Institut für Kommunikation, URL: https://www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-kommunikationsquadrat[eingesehen am 15.07.2019].

[4] Für weitere Informationen zu zwischenmenschlicher Manipulation lohnt sich ein Blick in dieses Online-Dossier: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/psychologie/suggestion-manipulation-100.html [eingesehen am 04.09.2019].

[5] Bei 2:03 Minuten (123 Sekunden) Videolänge und 25 Bildern pro Sekunde (fps) ergibt sich: 123s * 25 fps = 3.075 Bilder.

[6] Vgl. Lee, Dami: Adobe After Effects gets content-aware fill to let you remove unwanted objects from videos, in: The Verge, 03.04.2019, URL: https://www.theverge.com/2019/4/3/18293526/adobe-after-effects-content-aware-fill-remove-unwanted-objects-videos [eingesehen am 15.07.2019].

[7] Das Video gibt es zu sehen unter URL: https://www.youtube.com/watch?v=M2qroMuIluI [eingesehen am 15.07.2019].

[8] Vgl. Waterson, Jim: Facebook refuses to delete fake Pelosi video spread by Trump supporters, in: The Guardian, 24.05.2019, URL: https://www.theguardian.com/technology/2019/may/24/facebook-leaves-fake-nancy-pelosi-video-on-site [eingesehen am 15.07.2019].

[9] https://fairuse.stanford.edu/overview/fair-use/what-is-fair-use/Vgl. Stim, Rich: What is Fair Use?, in: Stanford University Libraries, URL: [eingesehen am 15.07.2019].

[10] Vgl. o.V.: Geräuschemacher, in: movie-college.de, URL: https://www.movie-college.de/filmschule/ton/geraeuschemacher [eingesehen am 15.07.2019].

[11] Willimek, Bernd/Willimek, Daniela: Warum klingt Moll traurig? – Die Strebetendenz-Theorie erklärt das Gefühl in der Musik, in: musik-heute.de, 15.04.2013, URL: http://www.musik-heute.de/4756/warum-klingt-moll-traurig-die-strebetendenz-theorie-erklaert-das-gefuehl-in-der-musik-1/ [eingesehen am 15.07.2019].

[12] Vgl. Rudolf-Müller, Eva: Hippocampus, in: NetDoktor.de, 17.05.2017, URL: https://www.netdoktor.de/anatomie/gehirn/hippocampus/ [eingesehen am 15.07.2019].

[13] Vgl. Zerpner, Anette: Homo musicus – Wie Musik Emotionen entstehen lässt, in: tagesspiegel.de, 29.12.2014, URL: https://www.tagesspiegel.de/wissen/wie-musik-emotionen-entstehen-laesst-zu-viel-neues-veraergert-die-zuhoerer/11161724-3.html [eingesehen am 15.07.2019].

[14] Vgl. Kassel, Dieter: ARD-Projekt Faktenfinder – Mit journalistischem Handwerk gegen Fake News, in: Deutschlandfunk Kultur, 03.04.2017, URL: https://www.deutschlandfunkkultur.de/ard-projekt-faktenfinder-mit-journalistischem-handwerk.1008.de.html?dram:article_id=382926 [eingesehen am 15.07.2019].

[15] On Demand = auf Abruf, jederzeit verfügbar.

[16] Vgl. o.V.: 25 Useful Twitch Statistics for Influencer Marketing Managers, in: Influencer Marketing Hub, 15.05.2019, URL: https://influencermarketinghub.com/25-useful-twitch-statistics/ [eingesehen am 15.07.2019].


Autor: Alexander Steding

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