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Aktiv werden gegen Hass und Hetze im Netz

Interview mit Björn Kunter von LOVE-Storm


Hassreden im Netz verändern die Debattenkultur. Aber was können wir tun und ist das eine Gefahr für die Demokratie? Diese Fragen haben wir dem Aktivisten Björn Kunter gestellt.



Hass im Netz ist eine katastrophale Situation für die einzelnen Betroffenen. Wie wirkt sich dieser Hass auf die ganze Gesellschaft aus?

Wir sehen Hass im Netz als einen Angriff mit dem Ziel, Menschen zum Verstummen zu bringen und sie aus dem Netz zu drängen. Besonders auffällig ist, dass gerade Frauen in einer aggressiven, teilweise sexistischen Art angegriffen werden mit der Begründung, das Netz sei doch gar nicht ihr Ding.


Wer ist denn außer Frauen von Hass im Netz betroffen?

Ich glaube, es gibt zwei Bereiche: Einmal werden Menschen direkt angegriffen. Und dann wird gegen Gruppen gehetzt, beispielsweise gegen Geflüchtete, die für alles Mögliche verantwortlich gemacht und als Bedrohung dargestellt werden. Das hat auch eine gesellschaftliche Wirkung, wenn die Flüchtlinge den Hass im Netz gar nicht selbst mitbekommen: Die Angreifenden rechtfertigen nämlich so Gewalt gegen Geflüchtete.


Gibt es denn einen Zusammenhang zwischen Hetze im Netz und Übergriffen in der analogen Welt?

Untersuchungen zeigen immerhin einen Anfangsverdacht, wonach Hetz-Postings auf der AfD-Seite im Jahr 2015 zu mehr gewaltsamen Angriffen auf Flüchtlinge oder Menschen, die dafür gehalten wurden, geführt haben. Man kann sogar sagen: Dort, wo der Internetempfang schlechter war, ist zu der Zeit tatsächlich auch weniger passiert.
Wissenschaftlich bewiesen ist das aber noch nicht, das sind ja alles noch ganz neue Phänomene. Ich komme aber eigentlich aus der internationalen Friedensarbeit und ich weiß: Heute würde so ein Genozid wie in Ruanda, wo Hate-Radio eine große Rolle gespielt hat, über Facebook vorbereitet werden.


Sie sagten ja bereits, dass das Ziel sei, die Menschen zum Verstummen zu bringen und sie zu diskreditieren, sodass ihnen nicht geglaubt wird oder ihre Meinung abgetan wird, selbst wenn sie sich äußern. Funktioniert das denn?

Hetze wirkt auf jede_n anders. Ich selbst wurde 2014 sehr rabiat angegangen aus meinem eigenen Umfeld, der Friedensbewegung. Ich habe dann gemerkt, dass ich mir jedes Wort dreimal überlegen muss und habe ein halbes Jahr gebraucht, um überhaupt wieder sagen zu können: Das ist meine Position, damit gehe ich jetzt offensiv in die Öffentlichkeit. Andere verstummen dann ganz oder ziehen sich in andere Foren zurück, wo sie dann in ihrer eigenen Filterblase glücklich sein können.


Da sind wir dann bei einem ganz entscheidenden Grundwert unserer Demokratie: Bedroht Hass im Netz nach Ihrer Erfahrung auch die Meinungsfreiheit?

Das ist sicher so. Wir leben ja sowieso in unseren eigenen Kreisen. Alle haben die Tendenz, nur das zu glauben, was ihnen selbst in den Kram passt. Das Problem ist, dass das natürlich nochmal ganz anders verstärkt wird, wenn Menschen mit einer anderen Meinung gezielt aus der Diskussion rausgemobbt werden. Dann schwebe ich nicht nur in meiner Filterblase, sondern ich schaffe sie mir auch auf eine gewalttätige Art und Weise.


Kann man denn sagen, dass die Demokratie bedroht ist, weil wenige Menschen Stimmung machen, die Mehrheitsmeinung aber ganz anders aussieht?

Das kann man vielleicht ein bisschen mit No-go-Areas vergleichen: Es war ja nicht so, dass alle Menschen in Ostdeutschland oder an anderen betroffenen Orten Menschen ausschließen wollten, die anders aussahen – ob fremdländisch oder links. Es gab da einige Akteur_innen, die da ganz klar Räume gestaltet haben.

Und das sehen wir im Netz jetzt auch. Es werden sozusagen Räume im Netz so gestaltet, dass Leute verscheucht werden. Da ist die Frage, wie viele es sind, erst einmal unwichtig. Viel wichtiger ist, wie wir darauf reagieren. Wie viele Menschen nehmen Opfer in Schutz und machen deutlich, dass sie anderer Meinung sind als die Angreifenden? Das ist der Punkt, an dem wir Zivilcourage brauchen.


Das ist auch der Punkt, an dem Sie mit Ihrem Projekt LOVE-Storm ansetzen. Wie kann man denn als Einzelne_r eingreifen?

Auf Angriffe reagieren Menschen typischerweise mit Flucht, Angriff oder Erstarren. Im Internet heißt das: In den meisten Fällen reagiert niemand. Selbst Leute, die Aussagen nicht richtig oder zu harsch finden, wissen oft nicht, was sie machen können. Wenn sie zwei Stunden oder sogar erst zwei Tage später die richtige Antwort hätten, dann ist die Situation längst vergangen. Deshalb bieten wir als ersten Schritt einstündige Online-Trainings an, in denen Leute selbst ausprobieren können, wie sie in bestimmten Situationen reagieren würden. Von uns gibt es dann auch Feedback, damit man in kritischen Situationen dann auch wirklich handlungsfähig ist.


Also ist es wichtig, dass sich möglichst viele zu Wort melden?

Genau. Ein anderes Angebot von uns ist ein Mechanismus, bei dem die Menschen sich gegenseitig zur Hilfe kommen können, wenn sie im Netz auf Hassangriffe stoßen. Sie können dann gemeinsam handeln und haben auch einen sicheren Raum, wenn sie wissen, dass sie nicht ganz alleine sind. Ich finde, Internet ist ein Lebensraum. Dort, wo ich lebe, möchte ich auch reagieren, wenn da etwas aus dem Ruder läuft. Da will ich dann auch mal sagen können: Egal, ob ich Dich mag oder nicht – so geht’s nicht!


Das heißt, zu einer Angriffssituation gehören verschiedene Gruppen: Opfer, Täter_innen und Zuschauer_innen. Wer ist vor allem die Zielgruppe von LOVE-Storm?

Wir wollen die Angegriffenen stärken, die Zuschauenden mobilisieren und erst zuletzt geht es um die Angreifenden. Viele Leute reagieren nur auf die angreifende Person und dann kriegt genau der oder die Aufmerksamkeit, der oder die sie gerade bekommen will. Oft werden die angegriffenen Personen vergessen, die die Hilfe aber viel mehr bräuchten.

Am wichtigsten ist, dass wir die Angegriffenen stärken, damit sie auch weiterhin im Dialog bleiben können. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Nichts ist so schlimm wie das Schweigen der Freund_innen. Angriffe von irgendwelchen Idioten kann man wegstecken, aber wenn einem die eigenen Freund_innen nicht helfen, das ist schwer.


Wie verhält man sich denn dann am besten gegenüber der angreifenden Person?

Ich kann die Person nicht in einer kurzen Internetaktion überzeugen. Das zeigen auch Studien: 96 Prozent der Gespräche im Internet führen dazu, dass Leute die gleiche Meinung haben wie vorher. Es geht vielmehr darum, Grenzen zu zeigen und deutlich zu machen, was nicht akzeptabel ist. Wenn sich das Gegenüber daran hält, dann kann man auch in einen Dialog treten.


Warum werden denn Zuschauer_innen so selten aktiv?

Aus der Gewaltforschung wissen wir: Wenn Menschen einen körperlichen Angriff oder auch eine Beleidigung beobachten und sehen, dass andere Leute nicht reagieren, sind genau diese Leute ein Beispiel, die nicht reagieren. Dann bleiben auch Menschen untätig, die im Zweier- oder Dreiergespräch sofort reagieren würden.

Weil es im Internet theoretisch immer unendlich viele Zuschauer_innen gibt, entsteht ganz schnell dieses Gefühl: Die anderen könnten ja reagieren, aber sie tun es nicht – also ist es wahrscheinlich in Ordnung. Und das ist genau der Mechanismus, den wir durchbrechen müssen.


Können dabei auch Gesetze wie beispielsweise das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, kurz NetzDG, helfen?

Ich sehe das NetzDG als einen Schnellschuss, um auf ein ganz konkretes Problem zu reagieren. Die Plattformen haben nämlich eindeutig eine Verantwortung für das, was sie verbreiten – die wollten sie aber nicht sehen. Das NetzDG ist eben ein Versuch, Plattformen in die Verantwortung zu nehmen. Ob das jetzt gelungen ist? Es gibt sicherlich noch vieles, was verbessert werden muss – man hat halt irgendwas getan. Der Staat wird auch an anderen Stellen noch vieles machen müssen. Aber letztlich ist es ein gesamtgesellschaftliches Problem und viele Leute werden da etwas machen müssen.


Sie setzen also vor allem auf zivilgesellschaftliche Initiativen. Im Moment gibt es ja die Befürchtung, dass Hass im Netz vielleicht nicht in den Griff zu kriegen sei. Finden Sie, so ein Pessimismus ist angebracht?

Das glaube ich nicht. Ich habe mindestens zwei Wellen rechtsextremer Hetze erfahren, die dann aber auch wieder verebbt sind. Ich komme aus einer Zeit, in der das Internet als Vision und als demokratisches Werkzeug gesehen wurde, dass jede_r mitreden kann. Vielleicht haben wir damals viele Sachen zu optimistisch gesehen, aber insgesamt ist das Internet wirklich ein Gewinn für die Demokratie und es ist ein Instrument, um vieles demokratischer gestalten zu können.


Noch eine abschließende Frage: Was würden Sie sagen, wo stehen wir gerade in Bezug auf eine positive demokratische Debattenkultur im Netz?

Das ist ganz schwer zu sagen. 2015 und 2016 wurden wir überrannt von einer Welle von Hass, inzwischen haben das aber viele Akteur_innen gesehen und wissen, dass sie etwas machen müssen. Es wird jetzt Zeit brauchen, bis die klassischen Weiterbildungsträger dann auch digital agieren können.

Ich glaube, dass Medienpädagog_innen individuelle Risiken im Blick haben müssen, aber auch gesellschaftliche Möglichkeiten sehen müssen. Da entsteht gerade ganz viel und verändert sich. Auf einer Skala von eins bis hundert stehen wir gerade vielleicht bei zwanzig, Tendenz aber sicherlich steigend.


Foto von Björn Kunter  

Björn Kunter (Foto: Marc Dietenmeier)

Björn Kunter kommt aus Lüchow und setzt sich schon seit den 1990er Jahren mit dem Thema „Zivilcourage“ auseinander. Kunter engagiert sich als Trainer für gewaltfreie Bewegungen und hat mit LOVE-Storm jetzt ein neues Projekt entwickelt, um gegen Hass im Netz vorzugehen.

Webseite der Initiative LOVE-Storm

So funktioniert LOVE-Storm

 

Das Interview führte Ulrika Engler im Mai 2018.

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